Mein Leben.
Ich bin Hans.
Ein Alkoholiker heute trocken.
Liebe Freunde/innen.

Ich möchte über einige Momentaufnahmen in meinem Leben schreiben.
Ich habe zwar überlegt, soll ich, kann ich, oder will ich überhaupt, über eine schon fast vergessene Zeit reden oder gar schreiben?

Ich werde es mal im Telegrammstil versuchen, dann fällt es mir nicht ganz so schwer und tut auch nicht so weh.
Erlternhaus, Waisenhaus, Kindheit.
Gross werden, Erwachsen werden oder Lebensfähig werden und sein.

Ich war viele Jahre im Waisenhaus die Nr.18 will sagen, niemand nannte mich beim Namen.
Vater unbekannt, Mutter ??
Habe ich nach meiner Gesellenprüfung zum erstenmal gesehen.

Habe die ersten Jahre Sie zu Ihr gesagt, konnte nicht anders, wollte es zwar, aber es ging nicht, hätte es so gerne getan. Hatte nicht den Mut dazu und auch Angst.
Wovor? ich weiss es bis heute nicht und muss es auch nicht mehr wissen.

Erste Hl. Kommunion.
Alle Kinder im Waisenhaus hatten Besuch von Ihren Müttern, zu mir kam niemand. Ein Junge sagte zu seiner Mutter, Nr.18 bekommt keinen Besuch, der hat keine Mutter. Ich habe mich furchtbar geschämt, ja weh tat es auch.

Ich bekam von einer Frau eine Scheibe Weissbrot mit Sirup drauf geschenkt.
Ich habe mich da noch mehr geschämt. Kuchen kannte ich damals noch nicht.
Habe es im Schlafsaal gegessen, es war zu neu für mich etwas geschenkt zu bekommen und ich hatte Angst, ich müsste es wieder abgeben.
Ich habe danach nie wieder etwas geschenkt bekommen, ohne mich sofort wieder dafür zu schämen.

Nach dem Waisenhaus.
Ich hatte meine Gesellenprüfung als Bau- und Möbelschreiner bestanden.
Mein Gesellenstück ist von dem Waisenhaus an irgendeinen Pastor gestiftet worden.
Ich kam zu einem Meister in Kost und Logie wie es damals üblich war.
War mittlerweile 18 einhalb Jahre alt. Meine erste Nacht nicht im Waisenhaus,
nicht in einem grossen Schlafsaal mit ca. 60 Kindern.

Habe vor einem übergrossen Bauernbett gestanden, mit einem dicken Oberbett mit grosskariertem Stoff.
Hatte noch nie ein so schönes Bett mit einem so dicken Oberbett gesehen.
Habe 2 Stunden gebraucht um mich auch rein zu legen. Habe nur geweint, konnte nicht aufhören, Tränen kamen von selber.
Konnte es nicht glauben, dass ich alleine darin schlafen darf.

Habe in dieser ersten Nacht auch nicht geschlafen, habe wach gelegen und gewartet, wann ich wieder aufstehen müsste, um doch noch woanders schlafen zu müssen.
Habe lange damit zu tun gehabt, bis ich mal richtig ohne aufzuwachen schlafen konnte.

Meine Mutter ist im vergangenen Jahr gestorben. 87 Jahre alt.
Ich habe sie beerdigen lassen, weil es sich so gehört.
Tränen waren keine da, ich hatte keine. Ich habe gefroren, warum?
Sehnsucht? Wonach? Ich war wütend, ich war böse, worauf?
Ich weiss es nicht.
Wer bin ich geworden? Warum bin ich so geworden? Wer bin ich?
Ich weiss es bis heute nicht und muss es auch nicht mehr wissen.

Ich habe das erste Mädchen geheiratet, dass mich in den Arm genommen und gedrückt hat, nur weil ich der Hans war, ohne Familie und soziales Umfeld.
Ehe ging nach wenigen Jahren kaputt. Hatte leider nie erfahren was Liebe, Zuneigung und ein Zuhause sind. Konnte demnach auch nichts davon an meine junge Frau weitergeben. Tut heute noch manchmal verdammt weh.

Kurz danach Herzinfarkt, ich glaubte ohne meine Frau und meine beiden Kinder ist mein Leben vorbei, zu Ende, ja verspielt. Für mich fiel der Himmel auf die Erde. Ich glaube damals wollte ich wirklich nicht mehr Leben.

Habe dann meine mich pflegende Krankenschwester geheiratet, sie hat mich so genommen wie ich war, es war nicht allzu viel. Habe zu der Zeit schon sehr viel getrunken, zu viel. Musste oder wollte leider bis zum Ende gehen, mit all der Traurigkeit, der Verzweifelung, der Hilflosigkeit und meinem krampfhaften Suchen nach einem Ausweg, nach Hilfe, ja oft auch nach dem Tod.
Diese Hölle dauerte viele Jahre.

Meine zweite Frau hat mich dann in Liebe losgelassen, aber mich nicht fallen lassen. Genau das hat meine Schmerzgrenze überschritten.
Ich war am Ende, ich hatte ausgekämpft, ich war angekommen. Dieses so schmerzhafte Ende war mein neuer Anfang für ein neues trockenes Leben, für mein neues Leben.

Mein neues Leben hat am 3. März 1980 angefangen, Ich durfte 25 Jahre Saufen überleben, ich durfte weiter Leben. Ich durfte trocken werden und trocken bleiben bis heute.
Alles was mal war ist Schnee von gestern und längst geschmolzen. Ich durfte lernen mit all dem zu Leben und das mit der Hilfe von so vielen Freunden/innen unserer grossen Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker.

Ich kann nur immer wieder ganz laut Danke sagen und das aus ganzem Herzen und voller Demut. Bin nun schon wieder über 46 Jahre verheiratet. Möchte mit meiner Frau zusammen alt werden, wenn ich es denn darf. Habe trotz allem manchmal noch sehr grosse Angst, irgendwann mal wieder die Nr. 18 zu werden. Werde meine Sehnsüchte, für manche vielleicht Selbstverständlichkeiten, wohl am Ende mit ins Grab nehmen.

Ich weiss heute, dass noch so viele Freunde/innen die noch leiden, traurig und verzweifelt sind, nach Liebe , Licht und Leben suchen.
Ich werde so oft und soviel ich kann, mit genau diesen Freunden/innen immer wieder Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

Es soll mein Danke dafür sein, dass ich 25 Jahre Saufen überleben durfte, ja dass ich weiter Leben durfte. Ich glaube es ist wohl das Geheimnis oder auch das Wunder der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker, dass ich jeden Tag neu erleben darf.

Ich muss heute nichts mehr, (Ich darf) Ich darf Leben, ich darf Lieben und alle die ich gern habe, so oft drücken und umarmen, wie ich es denn schon kann.
Wer darf das schon??? Es ist das grosse Geschenk der AA.
Ich durfte es nicht nur annehmen, ich durfte es auch öffen und immer wieder Staunen.

Vielleicht kann ich mit meinem Beitrag ja ein wenig Mut machen.
Es ist nie und für Niemanden zu spät, ein neues Leben zu beginnen.
Sein Neues Leben.
Vieles in meinem Leben habe ich noch nicht getan, weil ich nie versucht habe es zu tun.

Hans Alkoholiker heute trocken. Ich darf Leben.